Melodie

Setze ein paar Noten auf die Positionen 1 bis 4 des Sequenzers unten. Drücke dann den „Generieren“-Knopf, und die KI wird deine Melodie vervollständigen. Drücke „Play“, um deine KI-gestützte Komposition anzuhören. Jedes Mal, wenn du „Generieren“ drückst, wird die KI ein neues Pattern erstellen.

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Bei der KI handelt es sich um ein neuronales Netz, das mit Tausenden von einstimmigen Melodien trainiert wurde (einstimmig bedeutet, dass jeweils nur eine Note gespielt wird). Dadurch lernte es die Struktur oder Form typischer Melodien. Neuronale Netze können Dinge lernen, indem sie mit einer großen Anzahl von Beispielen trainiert wurden. Das macht sie ideal für Anwendungen, bei denen wir nicht durch „Regeln“ erklären können, was genau die Aufgabe ist - entweder weil es zu viele Regeln gibt oder weil wir sie nicht kennen. Stattdessen können wir Beispiele dafür geben, was wir wollen.

Das in diesem Kapitel verwendete neuronale Netz ist dem im Kapitel „Rhythmus“ verwendeten sehr ähnlich. Du kannst die Erklärung dort lesen, um zu erfahren, wie es funktioniert.

Wie zufällig sind Melodien?

Es gibt keine Regeln oder wissenschaftlichen Gesetze, die besagen, welche Tonfolgen gültige Melodien sind und welche nicht. Die Musiktheorie kann viele Entscheidungen, die hinter einer Komposition stehen, erklären, aber die Grenzen der Kunst lassen sich nie perfekt definieren.

Viele verschiedene Dinge können Komponist*innen beeinflussen:

  • Biologische und kulturelle Faktoren (es gibt z.B. Melodien in Sprachmustern).
  • Das gewählte Musikinstrument (Instrumente bestimmen, welche Noten zur Verfügung stehen und welche Kombinationen leichter zu spielen sind).
  • Wie harmonisch oder dissonant zwei Noten sind.
  • Tonleitern, Modi und andere formale oder kulturelle Konventionen.
  • Genres, Stile und Modeerscheinungen.

Und innerhalb dieses Bezugsrahmens nutzen die Künstler*innen auch Wiederholung, Erwartung, Überraschung und Rhythmus, um die Zuhörerschaft zu begeistern.

All diese Dinge erzeugen eine Struktur: ein Netz von Beziehungen. Jede Note steht in Beziehung zu den vorangegangenen (z. B. wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich es ist, dass sie zusammenkommen, wie ähnlich oder kontrastreich sie sind usw.) und zu den möglicherweise folgenden.

Der Sequenzer oben vereinfacht vieles: Er bietet nur sieben Noten aus der C-Dur-Tonleiter an, und alle Noten haben die gleiche Dauer und Lautstärke. Das bedeutet, dass es von Anfang an eine enge Beziehung zwischen den Noten gibt, die wir zum Aufbau von Melodien verwenden werden: Sie sind enge Freunde.

Dennoch kratzen wir, was die Struktur angeht, auch hier nur an der Oberfläche. Schauen wir uns einen Sequenzer mit einer neuen Taste an, der eine Melodie nach dem Zufallsprinzip erzeugt. Bei jedem Schritt wird wie bei einem Würfelwurf eine Note (oder Stille) zufällig ausgewählt.

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Es erscheint sinnvoll, Melodien nach dem Zufallsprinzip zu erzeugen, wenn man mit einem begrenzten Rahmen von zusammenhängenden Noten arbeitet (z. B. einer Tonleiter). Wenn du viele Zufallsmelodien generierst, wirst du auf einige gute Melodien stoßen und auf einige, die sogar (rein zufällig) unglaublich gut zu deinen Ausgangsnoten zu passen scheinen. Du wirst aber Unterschiede feststellen, wenn du viele Melodien mit der KI und viele mit dem Zufallsalgorithmus erzeugst. Die KI erzeugt regelmäßigere Formen, verwendet eine kleinere Auswahl an Noten und baut auf dem auf, was du in den ersten Schritten als Aufforderung eingegeben hast. Außerdem wirst du feststellen, dass Zufallsmelodien erst dann gut klingen, wenn du sie mehrmals hörst (damit dein Gehirn die Chance hat, Muster zu erkennen).

Bevor neuronale Netze populär wurden, verwendeten ältere KI-Systeme oft eine Mischung aus Regeln und Zufälligkeit. Der Sequenzer unten bietet eine dritte Schaltfläche, die einen Algorithmus auf der Grundlage einer Markow-Kette verwendet. Probiere ihn mehrmals aus.

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Wir können die Funktionsweise dieses Algorithmus anhand der folgenden Schritte erklären:

  1. Schreibe die Noten der ersten 4 Positionen im Sequenzer ab.
  2. Füge Pfeile hinzu:
    1. … von jeder Note zu der, die danach kommt.
    2. … von jeder Note zu sich selbst.
    3. … von der letzten Note zur ersten Note.
  3. Beginnend mit der Note an der vierten Position…
  4. …wähle einen zufälligen Pfeil und folge ihm bis zur nächsten Note.
  5. Wiederhole die Anweisung 4. Springe von Note zu Note, indem du zufällig Pfeile auswählst, bis die Melodie vollständig ist.

Der Zufallsalgorithmus kann jede mögliche Kombination von Noten mit gleicher Wahrscheinlichkeit erzeugen. Die von der Markow-Kette erzeugten Ergebnisse sind vermutlich interessanter, aber sie sind alle durch die möglichen Kombinationen begrenzt, die die Pfeile zulassen. Es gibt eine Menge interessanter Melodien, die diese Methode nicht erzeugen kann.

Wir könnten noch viele weitere Markow-Ketten mit unterschiedlichen Anweisungen erstellen, die auf unterschiedlichen Vorstellungen von Komposition und der Zusammensetzung von Melodien beruhen. Ein Algorithmus könnte eine dieser Markow-Ketten nach dem Zufallsprinzip auswählen und dann eine Melodie daraus erzeugen. Wenn wir weitere Ketten hinzufügen, würden wir noch weitere interessante Melodien entdecken.

Neuronale Netze benötigen keine Regeln von uns; sie lernen durch einen Trainingsprozess anhand von Beispielen. Ein neuronales Netz kann nur solche Melodien erzeugen, die ähnlichen Strukturen oder Mustern folgen wie die, mit denen es trainiert wurde. Um ein neuronales Netz zu entwickeln, das (fast) jede interessante Melodie erzeugen kann, müssen wir es mit einer großen Anzahl von unterschiedlichen Beispielen trainieren.

Eine kurze Geschichte des Sequenzers

Sequenzer, wie der oben verwendete, sind ein gängiges Werkzeug in der elektronischen Musik. Sie verkürzen die Distanz zwischen dem Schreiben und dem Spielen von Musik. Künstler*innen können sogar „den Sequenzer spielen“ und das Schreiben von Musik zu einer künstlerischen Performance machen.

Drawing of the RCA Mark II Sound Synthesizer

Das Konzept der Sequenzer geht schon hunderte Jahre zurück. Spieldosen, Pianolas, Drehorgeln und viele andere mechanische Geräte spielen Musik automatisch durch Löcher, Dellen oder andere physische Markierungen auf Bändern, Zylindern, Scheiben usw. ab. Der RCA Mark II Sound Synthesizer (1957), einer der frühesten Musiksynthesizer, konnte durch gelochte Papierbänder gesteuert werden.

Drawing of the Moog 960

Der Moog 960 (1967) war ein analoges Sequenzer-Modul für den Moog Modular Synthesizer. Es konnte zwischen 8 und 24 Potentiometer bereitstellen, die nacheinander im gewünschten Tempo aktiviert wurden. Damit konnte der Synthesizer eine Melodie in einer Endlosschleife abspielen. Bands wie Tangerine Dream nutzten die Möglichkeit, die Schalter in Echtzeit zu betätigen, um die Sequenzen bei Live-Auftritten zu verändern und weiterzuentwickeln.

Drawing of the Romand MC-8 Microcomposer

Der Roland MC-8 Microcomposer (1977) war einer der ersten Sequenzer, der von einem Mikroprozessor gesteuert wurde. Er war ein kleines, eigenständiges Gerät, das an große, komplexe modulare Synthesizer wie das Roland System 700 angeschlossen werden konnte. Sein Speicher fasst 5200 Noten und kann sogar polyphone Sequenzen verarbeiten.

Drawing of the Roland MSQ-700

The Roland MSQ-700 (1983) war der erste MIDI-Sequenzer. MIDI ist ein Standard, über den Musikinstrumente und Computer miteinander verbunden werden können. Ein MIDI-Sequenzer kann mit einer klavierähnlichen Tastatur programmiert werden. Anschließend kann er die Sequenz über einen Synthesizer, Sampler oder ein anderes klangerzeugendes MIDI-Instrument wiedergeben. Auf diese Weise wurde eine neue Art der Musikproduktion geschaffen, bei der anstelle von aufgenommenen Klängen Notendaten manipuliert werden.

Drawing of the Akai MPC-60

Der Akai MPC-60 (1988) war ein Sampler und Sequenzer. Er ermöglichte es Künstler*innen, Klänge aufzunehmen, sie zu manipulieren und sie durch sein 4x4-Raster von druckempfindlichen Tasten auszulösen, während diese gleichzeitig eine Sequenz aufnahmen. Es war ein preisgünstiges Gerät, mit dem man allein komplette Tracks produzieren konnte. Daher hatte er einen demokratisierenden Effekt, der die Produktion von Hip-Hop und elektronischer Musik revolutionierte.

Einige Punkte zum Nachdenken

Sequenzer ermöglichen es uns, Musik zu machen, indem wir sie während ihrer Wiedergabe „formen“. Wir können die Noten einer Sequenz während des Loop-Vorgangs ändern, aber auch ihren Rhythmus oder den Klang der Instrumente modulieren, um einen fließenden Übergang zu einer anderen Stimmung oder Farbe zu schaffen. Die Benutzeroberfläche des Sequenzers (Knöpfe, Regler, Maus, Tastatur, Touchscreen usw.) begrenzt die Anzahl der gleichzeitigen Änderungen, die wir vornehmen können, während die Musik spielt. Manchmal kann es notwendig sein, vorprogrammierte Variationen auszulösen.

Wie kann KI neue Formen des Zusammenspiels mit einem Sequenzer ermöglichen, um den musikalischen Flow einer Live-Performance mit viel Ausdrucksfreiheit zu erschaffen?

Bei den ersten Sequenzern musste man mühsam Note für Note eingeben. MIDI-Controller wie z.B. Tastaturen und druckempfindliche Bedienfelder ermöglichten eine ausdrucksvollere, schnellere und leichtere Eingabe von Sequenzen. Welche neuen Mechanismen kann die KI ermöglichen?

Referenzen

Basierend auf Google Magenta Melody RNN.

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Quellenangaben

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